Fast täglich erscheinen neue Zahlen zur KI-Nutzung. Eine aktuelle Unternehmensbefragung von Bitkom gibt an, dass bereits mehr als die Hälfte aller Unternehmen KI einsetzt. Die amtliche Statistik hingegen weist für Deutschland 2025 lediglich einen Anteil von 26 Prozent aus.
Ein Teil der Abweichung erklärt sich bereits durch die Stichproben: Bitkom befragt Unternehmen ab 20 Beschäftigten, während die amtliche Statistik Unternehmen ab zehn Beschäftigten berücksichtigt. Hinzu kommen unterschiedliche Erhebungszeitpunkte und Abgrenzungen des KI-Einsatzes. Diese Unterschiede sind jedoch vor allem akademisch interessant – für Geschäftsführer im Großhandel stellt sich nämlich eine ganz andere Frage: Wo entsteht tatsächlich messbarer Geschäftsnutzen?
In diesem Artikel erhalten Sie einen Überblick darüber, zu welchen Ergebnissen verschiedene Studien kommen, und was das alles für Sie und Ihr Unternehmen bedeutet.
Hohe Investitionen zeigen den Trend – nicht den ROI
Die weltweiten Investitionen sprechen dafür, dass KI mehr als ein kurzfristiger Technologietrend ist. Laut Stanford AI Index stiegen die privaten KI-Investitionen im Jahr 2025 um 127,5 Prozent. Investitionen in generative KI legten sogar um mehr als 200 Prozent zu. Gleichzeitig gaben 88 Prozent der weltweit befragten Organisationen an, KI bereits in irgendeiner Form einzusetzen. Diese Dynamik zeigt, wie stark sich Anbieter, Lösungen und ganze Ökosysteme derzeit entwickeln.
Interessant ist dabei ein weiteres Ergebnis der aktuellen Bitkom-Befragung. Obwohl bereits 57 Prozent der Unternehmen KI einsetzen, sagen 59 Prozent dieser Unternehmen selbst, dass sie das vorhandene Potenzial noch gar nicht ausschöpfen. Viele Unternehmen befinden sich also noch in einer Lern- und Aufbauphase.
Für den Großhandel gibt es weniger Daten als viele vermuten
Obwohl regelmäßig über KI berichtet wird, gibt es erstaunlich wenige belastbare Zahlen speziell für den deutschen Großhandel.
Eine bundesweit ausgewiesene amtliche KI-Quote für die Branche liegt derzeit zum Beispiel nicht vor. Die ifo liefert jedoch einen interessanten Hinweis: Im Mai 2026 gaben 46,3 Prozent der Großhändler in Westdeutschland und 39,8 Prozent in Ostdeutschland an, KI bereits aktiv einzusetzen. Damit wird deutlich: Das Thema ist längst in der Branche angekommen.
Eine branchenübergreifende Erhebung des Handelsverbands Deutschland unter 175 mittelständischen und großen Handelsunternehmen kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 47,3 Prozent berichteten vom KI-Einsatz in einzelnen Bereichen oder im gesamten Unternehmen.
Die entscheidende Einschränkung bleibt jedoch: Die meisten Studien erfassen, ob KI genutzt wird. Deutlich seltener wird untersucht, welche wirtschaftlichen Ergebnisse tatsächlich erzielt werden. Genau diese Frage ist für den Großhandel aber entscheidend.
Produktivität steigt oft schneller als der Unternehmenserfolg
Besonders konkrete Nachweise für den Nutzen von KI stammen bislang aus klar abgegrenzten Arbeitsprozessen. So konnte eine viel beachtete Studie im Kundenservice zeigen, dass Mitarbeitende mit Unterstützung eines generativen KI-Assistenten durchschnittlich 14 Prozent mehr Kundenanfragen pro Stunde bearbeiten konnten. Besonders stark profitierten weniger erfahrene Beschäftigte.
Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Mitarbeitende verbringen weniger Zeit mit E-Mails, Dokumentation oder Recherche und müssen seltener außerhalb der regulären Arbeitszeit arbeiten.
Das sind positive Effekte. Sie bedeuten aber nicht automatisch, dass ein Unternehmen insgesamt produktiver oder profitabler wird. Zwischen einer eingesparten Stunde und einem höheren Betriebsergebnis liegt oft noch ein erheblicher organisatorischer Schritt.
Für Geschäftsführer ist deshalb wichtig, die richtigen Kennzahlen zu betrachten. Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden die KI einspart, sondern welche wirtschaftlichen Verbesserungen daraus entstehen.
Was bedeuten diese Zahlen für den Großhandel?
Aus den verfügbaren Studien lassen sich drei zentrale Erkenntnisse ableiten:
- KI ist im Unternehmensalltag angekommen.
- Erste Produktivitätsvorteile sind nachweisbar.
- Belastbare Daten zum konkreten wirtschaftlichen Nutzen im Großhandel bleiben begrenzt.
Deshalb lohnt es sich, weniger auf allgemeine Nutzungsquoten zu schauen und stärker auf konkrete Anwendungsfälle im eigenen Unternehmen.
Besonders interessante Einsatzfelder sind beispielsweise:
- Automatisierte Angebotserstellung
- Unterstützung im Kundenservice
- Stammdatenpflege
- Verbesserung der Datenqualität
- Produktsuche und Produktklassifizierung
- Absatz- und Nachfrageprognosen
- Unterstützung in Einkauf und Beschaffung
Ob KI in diesen Bereichen tatsächlich Mehrwert schafft, kann keine Marktstudie beantworten. Das zeigt sich erst in den Kennzahlen des eigenen Unternehmens.
Fazit: Nicht abwarten, sondern gezielt starten
Die aktuelle Studienlage zeichnet ein recht klares Bild. KI ist inzwischen weit verbreitet, wird massiv finanziert und entwickelt sich schnell weiter. Gleichzeitig entstehen die besten Nachweise für wirtschaftlichen Nutzen bislang auf Ebene einzelner Prozesse und Aufgaben.
Für Geschäftsführer im Großhandel ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Weder blinder Aktionismus noch weiteres Abwarten sind die richtige Strategie. Sinnvoller ist es, zunächst gezielt einen Prozess mit hohem Zeitaufwand, guter Datenbasis und klar messbaren Ergebnissen auszuwählen und dort den Nutzen von KI messbar zu machen.
Wichtig ist dabei, konkrete Kennzahlen vor und nach dem Einsatz zu vergleichen. Erst wenn sich Bearbeitungszeit, Fehlerquote, Servicequalität oder Durchsatz nachweislich verbessern, sollte der Einsatz ausgeweitet werden.
Der entscheidende Wettbewerbsvorteil entsteht nicht dadurch, als Erster eine KI-Lizenz zu kaufen. Er entsteht dort, wo Unternehmen KI schneller als andere in echten Geschäftsnutzen übersetzen.
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